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JIØÍ ŠVESTKA (1955)
Kunsthistoriker und Galerist. Er war unter anderem Direktor des Kunstvereins in Düsseldorf a Chefkurator des Kunstmuseums in Wolfsburg. Seit 1995 betreibt er in Prag seine Privatgalerie „Galerie Jiøí Švestka“, in der er sich auf gegenwärtige und moderne Kunst orientiert. 1991 veranstaltete er in Düsseldorf die umfassende Ausstellung „1909−1925 Kubismus in Prag“.

KRISTALLSPIELE

INTERVIEW MIT DEM GARANTEN DES KAPITELS JIØÍ ŠVESTKA

WAS VERBINDET SIE MIT DEN 1910ER UND 1920ER JAHREN?
Die Zeit des tschechischen Kubismus ist mir vor allem deshalb nahe, weil sich die heimischen Künstler mit großem Mut und Risikobereitschaft mit den aktuellsten Entwicklungen der Kunst auseinandersetzten. Die Abwendung von traditionellen Vorbildern in München und Wien war vorprogrammiert. Heute spielt es überhaupt keine Rolle mehr dass er nicht ganz konsequent war. Für das provinzielle tschechische Dasein brachte er neue Energie, einen Wind, aus dessen letzten Brisen die tschechische Kunst wohl noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts schöpfte.

WODURCH HABEN IHRER MEINUNG NACH DIE 1910ER UND 1920ER JAHRE DIE ENTWICKLUNG DES TSCHECHISCHEN DESIGNS BEREICHERT?
Kubistisches Design wurde zum Bestandteil der modernen Kunst. Es sollte nicht nur ein Zusatz sein, sondern – dem Willen seiner Protagonisten zufolge – den modernen Stil der Zeit direkt mitgestalten. In der Praxis sah dies natürlich anders aus. So wurde kubistisches Design noch nicht zum Massenprodukt, das in großen Serien industriell erzeugt wurde. Darin war er seinem geheimen Vorbild, der Wiener Werkstätte, sehr ähnlich.

WELCHE EREIGNISSE WAREN IHRER MEINUNG NACH AM PRÄGENDSTEN FÜR TSCHECHISCHES DESIGN?
Natürlich hängt der Eintritt des Kubismus in das tschechische Milieu mit den emanzipatorischen nationalen Tendenzen im zerfallenden Österreich-Ungarn zusammen. Einen großen Einfluss hatten hier Ausstellungen französischer, deutscher und tschechischer Kunst, die wirklich das Aktuellste boten was es damals gab. Paradoxerweise waren es gerade Aufträge aus Wien während des Ersten Weltkrieges, die es dem kubistischen Design ermöglichten wirtschaftlich zu überleben.

NACH WELCHEN KRITERIEN HABEN SIE DIE EINZELNEN OBJEKTE AUSGEWÄHLT?
Auch im Design ist für mich die Authentizität des Objekts entscheidend. Im tschechischen Kubismus sind jedoch nahezu alle Objekte ungewöhnlich und authentisch. Somit tritt bei jeder Auswahl auch die Originalität ins Spiel, persönlicher Geschmack und sicherlich auch die Popularität dieser Objekte.

GIBT ES ETWAS AUS JENER ZEIT, DAS SIE ALS TYPISCH TSCHECHISCH BEZEICHNEN WÜRDEN?
„Tschechischer Kubismus“ ist durchwegs typisch tschechisch, mit einer gewissen Tendenz zur Symbolik und eventuell auch einer gewissen Schwerfälligkeit.

WÄREN SIE AUF EINER EINSAMEN INSEL UND KÖNNTEN DREI GEGENSTÄNDE AUS JENER ZEIT MITNEHMEN, WELCHE WÄREN DAS?
Vielleicht wäre das einzig richtige Objekt der gänzlich unpraktische Luster von Josef Goèár – als Erinnerung an die Verschwendungssucht der Zivilisation, der ich entflohen bin.